Mündliche Geschichten über Kanryo Higaonna, überliefert von seinem Schüler Seiko Higa

von Akio Kinjo

 

Ich begann 1955 an der Ryukyu Universität Karate zu erforschen, stellte aber bald fest, dass es aufgrund einer kleinen Anzahl von Büchern oder schriftlicher Materialien über Karate sehr schwierig oder fast unmöglich ist. Ich besuchte die Universitätsbibliothek und viele andere große Bibliotheken, um wertvolle Bücher über Karate zu beziehen, aber ich konnte sie nicht finden. Selbst wenn ich einen historischen Artikel über den Ursprung des Karate fand, waren es stets sehr einfache und kurze Aufsätze, die kaum fünf oder sechs Zeilen umfassten. Deren Inhalte waren mir auch nicht wirklich neu. 

Deshalb begann ich das Sammeln mündlicher Überlieferungen über Karate. Die wertvollste und konkreteste Geschichte kam von Großmeister Seiko Higa vom Gojuryu. Zu dieser Zeit gründete Sensei Higa vor der Itoman Grundschule ein Karate-Dojo (=Trainingshalle). Ich habe dort Karate trainiert. Nach dem Training sprach ich mit Sensei Higa über Karate. Wir waren so in das Gespräch vertieft, dass wir die Zeit vergaßen. Seine Geschichten waren nicht nur interessant, sondern auch sehr wichtig als Material für die Karateforschung.

Seiko Higas Vater ist Seishu Higa. Seishu Higa ist ein entfernter Verwandter von Kanryo Higaonna, der das Karate des Naha-Stils aus der Stadt Fuzhou, Provinz Fujian in China, nach Okinawa brachte. Da Seishu Higa und Kanryo Higaonna gute Freunde waren, tranken sie Sake (=Reisschnaps) und unterhielten sich über Kanryos Erinnerungen in Fuzhou, China, und sein dortiges Karatetraining. Zu dieser Zeit war Seiko Higa noch ein Junge und saß neben seinem Vater und lauschte ihrem Gespräch mit großem Interesse. Daher hatte er reichhaltige und konkrete mündliche Anekdoten über Kanryo Higaonna.

Es gibt zwei Schüler von Seiko Higa, die mündlich überliefert wurden und mehr Details als ich kennen. Einer ist der verstorbene Choshin Ishimine und der andere ist Saburo Higa, ein Akupunkteur.

Sensei Choshin Ishimine war der beste unter Sensei Seiko Higas Schülern. Als er jung war, widmete er seine ganze Zeit und Energie dem Karatetraining mit Sensei Higa. Seine Ausführung von Suparinpe war so hervorragend, dass es niemand besser konnte als er. Ich denke, es gab 1953 lediglich fünf oder sechs Karateka, die Suparinpe gut ausführen konnten.

Sensei Ishimine brachte mir Karate mit Begeisterung bei, denn er war nicht nur mein Karatelehrer, sondern auch mein Cousin. Er hatte auch »Bubishi«, das geheime Buch des Karate, welches von Generation zu Generation weitergegeben wurde, indem das Buch innerhalb der hochrangigen Schüler des Gojuryu kopiert wurde. Zu dieser Zeit war ich ein Gymnasiast und konnte den Inhalt des Buches überhaupt nicht verstehen, aber ich kopierte das »Bubishi« sorgfältig. Ich habe es immer noch zur Hand. Dieses wertvolle Buch ist sehr nützlich, um die Geheimnisse des Karate aufzudecken.

Die Schüler von Sensei Choshin Ishimine sind Herr Yasuichi Ishimine, Cheftrainer vom Kobukan, Herr Riki Uechi auf der Insel Miyako, Herr Tsuneo Kashima, Cheftrainer vom Miyako-Kobukan und Herr Atsushi Kuwae, Cheftrainer vom Shumyokan in Yonabaru. Sie haben auch dieselbe verbale Geschichte wir die meine weitergegeben. Was das Karate des Shuri-Stils angeht, gelang es mir, wertwolle mündliche Überlieferungen von Sensei Choshin Chibana vom Kobayashi-Ryu, Sensei Chozo Nakama und Sensei Hohan Soken vom Shorin-Ryu Matsumura Seitoha zu sammeln.

Kürzlich gelang es mir auch, eine mündliche Überlieferung von Sensei Seikichi Higa (Seiko Higas Sohn), dem Präsidenten der Gojuryu International Karate Kobudo Federation, Sensei Shinpo Matayoshi, dem Präsidenten der Okinawa Kobudo Federation und Sensei Eiichi Miyazato, dem Präsidenten der Gojuryu Karatedo Assiciation, zu sammeln.

Basierend auf den oben erwähnten Materialien in Okinawa und denen, die ich in der Provinz Fujian in China erhielt, als ich dort Kungfu studierte, habe ich versucht, die Geheimnisse des Karate zu lüften.

 

Die mündliche Überlieferung, die ich von Sensei Seiko Higa, Sensei Choshin Ishimine und Herrn Saburo Higa gesammelt habe, lautet wie folgt.

(1) Der Name des chinesischen Meisters von Kanryo Higaonna ist phonetisch: To Ru Ko oder To Lu Ko oder Ru Ru oder Lu Lu oder Ka Chin Ga Ru Ru oder Ka Chin Ga Lu Lu oder Ru Ru Ko oder Lu Lu Ko. Niemand kenne seinen genauen Namen. Es ist so verwirrend, dass niemand weiß, was richtig ist, welches sein Nachname ist und welches sein Vorname. Chinesische Schriftzeichen für seinen Namen sind ebenfalls nicht existent.

(2) Wai Shin Zan und To Ru Ko waren zwei große bekannte Kungfu-Meister in der Provinz Fujian.

(3) Wai Shin Zan war ein Militäroffizier.  To Ru Ko betrieb als Chefausbilder seine eigene Kungfu-Schule.

(4) To Ru Ko war nicht aus Fuzhou. Er wanderte von einem anderen Dorf oder einer anderen Stadt nach Fuzhou ein. Sein Haus war in der Nähe eines Flusses oder Meeres.

(5) To Ru Ko kam gemeinsam mit Wai Shin Zan als Militärattache von Sappushi (=eine Art Botschafter des chinesischen Kaisers) nach Ryukyu (Okinawa).
Hinweis: Laut Seikichi Higa ist der Besuch von To Ru Ko in Ryukyu fraglich.

(6) Niemand kennt den Spitznamen Kanryo Higaonnas in China oder wie er von den Chinesen genannt wurde.

(7) Nach seiner Ankunft in Fuzhou, China, besuchte Kanryo Higaonna Wai Shin Zan, um nach einem Kungfu Training zu fragen. Aber Wai Shin Zan lehnte ihn ab, weil es den Militärs nicht erlaubt war, Zivilisten in den Kampfkünsten zu unterweisen. Also empfahl er Higaonna, in die Kungfu-Schule von Meister To Ru Ko zu gehen.

(8) Am Vorderaltar von To Ru Kos Dojo (Trainingshalle) befanden sich viele ausgebrannte Weihrauchkerne.

(9) Kanryo Higaonna arbeitete während seiner frühen Tage in China als Fährmann.

(10) Kanryo Higaonna wurde von To Ru Ko einige Zeit lang nicht unterrichtet, nachdem er der Kungfu-Schule beigetreten war, musste aber Hausarbeiten der To Ru Ko Familie erledigen. Er trainierte lediglich mit den Geräten oder Werkzeugen.

(11) Als der Fluss übertrat, kam Kanryo Higaonna mit einem Boot zu To Ru Ko und rettete seine Familie. Unter dem Einsatz seines Lebens rettete Higaonna To Ru Kos Tochter vor dem Ertrinken, als sie von einer schweren Flut davongetragen wurde. Er erzählte seinen Schülern in Okinawa oft von seiner Erinnerung an dieses sehr riskante Ereignis.

(12) Nachdem die Überschwemmung abgeklungen war, sagte Meister To Ru Ko zu Kanryo Higaonna: »Dank deiner mutigen Tat wurden wir vor der Flut gerettet. Du hast unser Leben gerettet. Wir sind dir dankbar für deine Hilfe. Als Belohnung kümmere ich mich um deine Reisekosten für die Rückkehr in dein Land, Ryukyu (Okinawa). Sag mir, wie viel du benötigst.« Darauf antwortete Kanryo Higaonna: »Meister, ich bin den ganzen Weg von Ryukyu nach Fuzhou gekommen, um Kungfu zu lernen. Ich bin geduldig geblieben, bis du mir Kungfu beibringst. Was die Kosten für die Rückkehr nach Ryukyu betrifft, denke ich, dass ich alleine zurechtkommen kann. Meister, bitte lehre mich Kungfu!« Seitdem war Kanryo Higaonna ein offizieller Schüler von Meister To Ru Ko. Er lernte und studierte von seinem Meister viele Kungfu-Geheimnisse und tiefgreifende Techniken des Kungfu eingehend.

(13) In der Nacht zum 15. August des alten Mondkalenders hielten die Schüler von To Ru Ko und Wai Shin Zan eine Feier auf dem Boot ab, um den schönen Mond zu sehen. Auf der Feier gab es einen Streit zwischen Kanryo Higaonna und dem stärksten Schüler von Wai Shin Zan.

(14) Um zu entscheiden, wer den Kampf gewann oder verlor, veranstalteten die Meister einen Wettbewerb der Stärke und Kata (=Kungfu-Formen) zwischen den beiden Schülern. Kanryo Higaonna führte die Kata sehr gut durch, indem er blitzschnell schlug, trat und mit sehr schnellen Bewegungen seines Körpers agierte. Als er Kanryo Higaonnas eindrucksvolle und ausgezeichnete Kata Darbietung sah, akzeptierte der stärkste Schüler von Wai Shi Zan den Rat seines Meisters und versöhnte sich mit Kanryo Higaonna.

(15) Kanryo Higaonna beherrschte das Kungfu so gut, dass er schließlich als stellvertretender Chefausbilder im Dojo tätig war.

(16) Eines Tages bat Kanryo Higaonna den Meister um Erlaubnis, nach Ryukyu (Okinawa) zuzukehren. Der Meister antwortete ihm: »Ich bin so alt, dass ich Kungfu nicht mehr länger unterrichten kann. Wenn du in dein Land zurückkehren möchtest, musst du meinen Schülern noch einige Jahre Kungfu lehren, damit manche von ihnen zu meinen Nachfolgern werden können.«

(17) Einige Jahre später, als Kanryo Higaonna nach Ryukyu zurückgehen wollte, gab ihm der Meister einen abgetrennten Speerschaft. Er sagte zu Kanryo Higaonna: »Das ist für dich. Dieser Speerschaft wurde abgetrennt, als ich mit einem harten Gegner kämpfte, der sehr gut im Schwertkampf war. Obwohl mein Speer abgetrennt war, habe ich den Kampf gewonnen. Es war meine stärkste Erinnerung. Ich gebe dir diesen Speerschaft als Andenken. Behalt ihn gut bei dir.«

(18) Als Kanryo Higaonna nach Ryukyu zurückkehrte, war Meister To Ru Ko sehr alt. Auch seine Sehkraft war schlecht. (Dies ist ein mündliches Zeugnis von Sensei Eiichi Miyazato, einer der ältestens Schüler von Großmeister Chojun Miyagi).

(19) Kanryo Higaonnas Karate des Naha-Stils wurde von Meister To Ru Ko geschaffen. Er schuf es, indem er sein Kungfu mit Techniken diverser Stile kombinierte.

(20) Der Prototyp der Sanchin, den Kanryo Higaonna in den frühen Tagen in Okinawa lehre, ist wie folgt:

  1. Anders als heutige Sanchin sollten deine Hände immer offen (Nukite oder Speerhand) sein, nicht geschlossen oder zu Fäusten geballt.
  2. Du schlägst sehr schnell mit Nukite (Speerhand) und bringst deine Hand zurück in die Sanchin Grundposition.
  3. Das Geräusch des Atmens ist fast nicht zu hören. Wenn dein Nukite in die Sanchin Grundposition zurückgebracht wird, gibst du ein kurzes und scharfes Atmen von dir.
  4. In den späten Tagen veränderte Kanryo Higaonna die Schlaggeschwindigkeit der Sanchin; das Ändern des sehr schnellen Schlags in Zeitlupe.

(21) Chojun Miyagi ging nach Fuzhou (China), um Tee zu kaufen. Nach seiner Rückkehr nach Okinawa befragte er Sensei Kanryo Higaonna über die Sanchin in China: »In Fuzhou, China, atmeten sie mit dem Klang ›Haa Haa‹ oder ›Fuu Fuu‹ wie eine riesige Schlange, die brüllte, als sie Sanchin darboten. Warum haben wir nicht so einen Atemweg?« Sensei Higaonna antwortete: »Ihre sind authentisch. Und unsere sind auch authentisch.« Daraufhin fragte Chojun Miyagi: »Wenn das so ist, wirst du mir ihr Atmen mit dem Klang lehren?« Sensei Higaonna erwiderte sofort: »Du bist zu jung, um es zu lernen.«

(22)  Nachdem Sensei Higaonna verstorben war, begann Chojun Miyagi Karate an einer Handelsschule in Naha zu unterrichten. Etwa zu dieser Zeit änderte er die Sanchin allmählich ab. Er wechselte von den offenen Händen zu geschlossenen Händen oder Fäusten, wenn er zuschlug oder sie zurückzog. Später machte er Geräusche, wenn er einatmete und ausatmete. Schließlich hat er die Sanchin des Goju-Ryu so ausgeführt, wie wir es jetzt tun.

(23) Kanryo Higaonna war Analphabet, so dass wir keine schriftlichen Aufzeichnungen von ihm haben.

(24) Wenn du in China Kungfu lernen möchtest, hast du viel Geld an deinen Kungfu-Meister zu zahlen. Sensei Higaonna bezeichnete solch ein Kungfu als Hanchinti (=Geschäfts-Karate oder Karriere-Karate)

(25) Sensei Seiko Higa sagte: »Sensei Kanro Higaonna hat so viele Techniken des Kungfu gemeistert, weil er kein gewöhnlicher Schüler war, sondern  der offizielle direkte Schüler.«

 

Ende

 

Bemerkungen: Dies ist Teil des Buches »Karate Denshinroku« (=wahre Geschichte des Karate), geschrieben von Herrn Akio Kinjo, einem Karateforscher und Kungfu-Lehrer in Okinawa. Seiten 35 bis 40 (Okinawa Thoso Center, 1999)

Aus dem Japanischen übersetzt von Kiyotaka Yamada und aus dem Englischen übersetzt mit dessen freundlicher Genehmigung.

 

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