Historischer Umriss des Karate-Do, der Kampfkunst von Ryukyu

von Chojun Miyagi

 

Originale Anmerkung: Dieser Artikel von Sensei Chojun Miyagi speziell für die Vereinsmitglieder geschrieben, als er uns eine Vorlesung zum Thema »Über Karatedo» gab und uns eine praktische Vorführung im Hörsaal im 4. Stock von Meiji Shoten in Sakaisuji (Osaka) am 18. Januar 1936 zuteilwurde.

 

1. Vorwort

Was ist Karate? Es ist die Kunst, Körper und Geist für die Gesundheitsförderung im Alltag einzusetzen, im Notfall hingegen ist es die Kunst der Selbstverteidigung ohne Waffen. In den meisten Fällen kämpfen wir mit unserem Körper – Hände, Füße, Ellenbogen usw. – um Gegner zu besiegen. In manchen Fällen jedoch können wir den Umständen entsprechend Waffen (wie Bo, Sai, Nunchaku, Tonfa, Weeku, Kama usw.) verwenden. 

Oftmals missverstehen Leute das Karate. Wenn sie jemanden sehen, wie er fünf Holzbretter oder ein paar Dachziegel mit seiner oder ihrer Faust zerbricht, denken sie, das sei der Hauptteil des Karate. Natürlich ist es kein Hauptteil des Karate, sondern lediglich ein unwesentlicher Teil. Wie auch andere Kampfkünste, kann die Wahrheit des Karate oder Tao des Karate mit dem nachdrücklichen Ziel verstanden und gemeistert werden, welches über das Lehren hinausgeht und unmöglich ist, mit Worten zu beschreiben.

 

2. Wie wurde die Kampfkunst in Ryukyu (heute Okinawa) eingeführt?

Der Name »Karate« ist ein besonderer Begriff in Ryukyu. Karate stammt ursprünglich vom chinesischen Kungfu. Wir haben ledigich wenige Bücher über die Herkunft des chinesische Kungfu , so dass wir nicht unmittelbar darauf schließen können, aber laut einer Theorie entstand die Kampfkunst ursprünglich in Zentralasien und dem Gebiet um die heutige Türkei, als sich die antike Zivilisation entwickelte. Und dann wurde es nach und nach in China eingeführt. Wir haben aber noch eine weitere Theorie. Es heißt, dass das chinesische Kungfu vor etwa 5.000 Jahren im Zeitalter des Gelben Kaisers (Kaiser Huang) entstand, welcher eine prachtvolle Kultur am Becken des Gelben Flusses errichtete. Jedenfalls ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass der Prototyp der Kampfkünste auf den Kampfgeist zurückzuführen ist, den jeder Mensch von Natur aus besitzt. Beispielsweise stellen die meisten Stile des chinesischen Kungfu Nachahmungen der Kämpfe von Tieren oder Vögeln dar. Du kannst es anhand der Namen wie Tiger-Stil, Löwen-Stil, Affen-Stil, Hunde-Stil, Kranich-Stil und weitere sehen. Wenig später spaltete sich das chinesische Kungfu in die Südliche Schule und Nördliche Schule. Jede Schule wiederum spaltete sich in Neijia und Wijia. Charakterisiert wird Neijia hauptsächlich durch Weichheit und dass es sich um eine defensive Kampfkunst handelt. Das Wudang Kungfu (TaiChi beispielsweise) ist typisch für Neijia. Dagegen beinhaltet Waijia vor allem Härte und ist eine aggressive Kampfkunst. Das Shaolin Kungfu, welches im Shaolin Tempel am Berg Songshang (Provinz Henan) erschaffen wurde, ist ein typisches Beispiel für Waijia.

Später, zur Zeit der Tang-Dynasie, können wir viele Kungfu-Krieger auf der Höhe ihres Erfolges finden.

Wenn wir berücksichtigen, wie Karate in Ryukyu (heute Okinawa) eingeführt wurde. Haben wir verschiedene Standpunkte ohne historische Beweise. Wir sind in dieser Angelegenheit noch zu keiner korrekten Schlussfolgerung gelangt. Es gibt drei Hauptstandpunkte, nämlich »Sechsunddreißig chinesische Einwanderer«, »Oshima-Notizen« und »Einfuhr in die Keicho-Zeit«. Einfache Erklärungen der Standpunkte sind wie folgt:

 

(1) Sechsunddreißig chinesische Einwanderer

Im Jahr 1932 (Ming-Dynastie in China) kamen sechsunddreißig chinesische Einwanderer aus der Provinz Fujian nach Ryukyu. Zu dieser Zeit wurde Karate von chinesischen Einwanderern der Provinz Fujian in Ryukyu eingeführt.

 

(2) Osima-Notizen

Das Handelsschiff des Königreichs Ryukyu geriet 1762 auf dem Weg nach Satsuma (Präfektur Kagoshima) in einen schweren Sturm und wurde an die Küste Oshimas, Tosa (heute Präfektur Kochi) gespült. Shiohira Pechin, ein hoher Beamter des Schiffs, war eine intelligente Person. Er wurde unterstützt durch Choki Tobe, einem Intellektuellen, der in Oshima lebte. Tobe schrieb Shiohiras interessante Geschichten über das Königreich Ryukyu nieder. Seine Aufzeichnungen wurden »Oshima Notizen« genannt. Die dritte Band der »Oshima Notizen« besagt: »Koshankun, ein Kungfu-Krieger, kam von China nach Ryukyu (heute Okinawa) und brachte seine Anhänger mit.« Laut den Notizen nannten die Leute zu dieser Zeit die Kampfkunst »Kumiaijutsu« anstelle Karate. Bei den Notizen handelt es sich um die zuverlässigste Literatur über Karate.

 

(3) Einfuhr in die Keicho-Zeit

Im Jahr 1609 (14. Jahr der Keicho-Periode) fiel der Stamm der Shimazu von Satsuma (heutige Präfektur Kagoshima) im Königreich Ryukyu ein und sie verboten den Menschen von Ryukyu den Besitz von Waffen. Manche sind der Ansicht, dass das Karate aufgrund der grausamen Unterdrückung durch die Shimatsu entstand. Andere bestehen darauf, Karate sei keine heimische Kreation, sondern komme aus China. Ich denke, es ist vernünftig zu bedenken, dass es sich bei Karate um eine Verschmelzung der Kampfkunst aus China und dem »Te«, einer bereits existierenden einheimischen Kampfkunst, handelt und sich das Karate bemerkenswert entwickelt hat und sich auch heute noch vernünftig entwickelt und verbessert. Wir haben einige sich unterscheidende Anschauungen über die Herkunft des Karate, doch es sind populäre Missverständnisse und nicht hörenswert.

 

Wie oben erwähnt, sind wir einer definitiven und überzeugenden Meinung noch fern. Wie auch immer, Karate wurde über viele Jahre hinweg entwickelt, modifiziert und verbessert.

 

3. Karatekreise in der Vergangenheit

Wir kennen nicht die Herkunft des Namens »Karate«, aber es trifft zu, dass der Name »Karate« erst kürzlich auftauchte. In den frühen Tagen wurde es »Te« genannt. Zu dieser Zeit pflegten die Leute Karate heimlich zu üben und ein Meister lehrte ausschließlich seinem besten Schüler von allen Kata ein paar Kata für Fortgeschrittene. Wenn er keinen geeigneten Schüler hatte, lehrte er sie niemandem und dadurch sind eventuell manche Kata verloren gegangen. Infolgedessen gibt es viele Kata, welche nicht weitergegeben wurden. Etwa während der Mitte der Meiji-Periode (1868-1912) schafften bekannte Karatemeister die althergebrachte Geheimhaltung ab. Karate wurde für die Öffentlichkeit zugänglich, so dass es bald von der Gesellschaft anerkannt wurde. Es war die Morgendämmerung in der Entwicklung des Karate. In Übereinstimmung mit der rasant fortschreitenden Kultur wurde Karate als Leibeserziehung anerkannt und daher als eines der Unterrichtsfächer in der Schule angenommen. Dadurch hat Karate schließlich die soziale Anerkennung erhalten.

 

4. Wie wir Karate gegenwärtig unterrichten

Entsprechend der mündlichen Überlieferungen legte die Unterrichtspolitik des Karate in den damaligen Tagen Wert auf Selbstverteidigungstechniken. Unter dem Motto »kein erster Angriff im Karate« zeigten die Lehrer ihren Schülern die moralischen Aspekte auf. Jedoch hörte ich, dass solche moralischen Aspekte in der Realität vernachlässigt wurden. Im Wandel der Zeit wurde die Unterrichtspolitik allmählich verbessert. Jetzt haben wir die falsche Tradition des sogenannten »Körper an erster Stelle und Geist an zweiter Stelle« eingestellt und uns auf den Weg in Richtung Kampfkunst Tao oder der Wahrheit des Karate gemacht. Schließlich haben wir das korrekte Motto »Geist an erster Stelle und Körper an zweiter Stelle« erhalten, welches aussagt, dass Karate und Zen das Gleiche ist. Diejenigen, die derzeit in der Präfektur Okinawa und auch außerhalb der Präfektur Karate lehren sind die folgenden (in zufälliger Reihenfolge)

In der Präfektur Okinawa:

Kentsu Yabu, Chomo Hanashiro, Chotoku Kyan, Anbun Tokuda, Juhatsu Kyoda, Choshin Chibana, Jinsei Kamiya, Shinpan Gusukuma, Seiko Higa, Kamado Nakasone, Jin-an Shinzato, Chojun Miyagi

 

Außerhalb der Präfektur Okinawa:

Gichin Funakoshi, Choki Motobu, Kenwa Mabuni, Masaru Sawayama, Sanyu Sakai, Moden Yabiku, Jizaburo Miki, Yasuhiro Konishi, Shinji Sato, Mizuho Mutsu, Kamesuke Higaonna, Shinjun Otsuka, Shin Taira, Koki Shiroma, Kanbun Uechi

 

5. Über Karate-Stile oder Ryu

Es gibt diverse Anschauungen über Ryu oder Karate-Stile in Ryukyu (Okinawa), doch diese sind lediglich Vermutungen ohne eingehende Nachforschungen oder Beweise. In dieser Angelegenheit fühlen wir uns, als tappten wir im Dunkeln.

Entsprechend einer populären Ansicht von ihnen können wir Karate in zwei Arten kategorisieren: Shorin-Ryu und Shorei-Ryu. Sie bestehen darauf, dass erstere für kräftige Personen geeignet ist, während letztere für schlanke Personen geeignet ist. Eine solche Ansicht hat sich jedoch in vielen Studien als falsch erwiesen. In der Zwischenzeit gibt es eine einzige Ansicht, der wir Glauben schenken können: Im Jahr 1828 (Qing oder Ching Dynasie) erbten unsere Vorfahren einen Kungfu-Stil der Provinz Fujian in China. Sie setzten ihren Studien fort und bildeten Goju-Ryu Karate. Noch heute existiert eine orthodoce Gruppe, die originales und authentische Goju-Ryu Karate geerbt hat.

 

6. Das Merkmal von Karate

Einige gute Punkte des Karate lauten folgendermaßen:

(1) Ein großer Platz oder ein geräumiger Bereich ist nicht erforderlich, um Karate zu üben.

(2) Du kannst Karate für dich selbst üben. Du kannst es auch zusammen mit anderen Karate Mitgliedern üben, indem du eine Gruppe bildest.

(3) Du musst nicht viele Stunden damit verbringen, Karate zu üben.

(4) Du kannst Kata wählen, die für deine körperliche Stärke geeignet sind und übst sie unabhängig von Alter und Geschlecht.

(5) Ohne viel Geld auszugeben kannst du Karate mit einfacher Ausrüstung (wie Makiwara) oder ohne üben.

(6) Karate ist sehr effektiv als Mittel der Gesundheitsförderung. Es gibt viele Karateka, die gesund sind und lange leben.

(7) Als Ergebnis des Trainings von Geist und Körper kannst du deinen Charakter schulen und einen unbeugsamen Geist erlangen.

 

7. Die Zukunft von Karate-Do

Die Tage, in denen Karate heimlich gelehrt wurde, waren vorbei und es kam ein neues Zeitalter, in dem wir Karate öffentlich und offiziell üben und studieren konnten. Deshalb ist die Zukunft von Karate-Do strahlend. Wenn wir diese Gelegenheit nutzen, sollten wir aufhören, Karate als geheimnisvolle und magische Kampfkunst auf einer kleinen Insel namens Ryukyu zu bewerben.  Wir sollten Karate für die Öffentlichkeit öffnen und Kritik, Meinungen und Studien von anderen prominenten Kampfkünstlern annehmen. In Zukunft sollten wir, wie andere Kampfkünste auch, komplette Protektoren für ein sicheres Karate-Turnier entwickeln, so dass Karate einer der japanischen Kampfkünste wird.

Heutzutage ist Karate-Do überall in Japan populär geworden, wo viele Leute Karate-Do sehr hart trainieren. Auch außerhalb Japans ist Karate-Do beliebt. Es gibt einen Mann, der sein Studium in Tokio abgeschlossen hat. Er bewirbt und studiert Karate-Do jetzt in Europa. Im Mai 1934 wurde ich von Okinawanern und einer Zeitungsfirma nach Hawaii (USA) eingeladen, um Karate-Do zu bewerben und lehren. Seither wurden Karate-Vereine auf Hawaii gegründet.

Wie bereits erwähnt, ist Karate-Do heute nicht nur eine japanische Kampfkunst, sondern auch eine internationale Kampfkunst.

 

8. Die Lehrmethode des Karate

Wie jeder Mensch seinen unverwechselbaren Charakter besitzt, so ist auch die Muskelentwicklung je nach Muskelanwendung unterschiedlich. Deshalb beginnen wir mit »vorbereitenden Übungen«, um unsere Muskeln so zu entwickeln, so dass wir Karateübungen leichter üben können, gefolgt von »grundlegenden Kata«, »Ergänzungsübungen«, »Kaishu Kata« und »Kumitetraining«. Wir lehren Karate in dieser Weise. Die Gliederung ist wie folgt:

 

(1) Vorbereitende Übungen

Wir trainieren jeden Muskel unseres Körpers, um deren Flexibilität, Kraft und Ausdauer zu verbessen und anschließend praktizieren wir die grundlegenden Kata, konkret Sanchin, Tensho und Naifanchi. Wir führen wiederholt die vorbereitenden Übungen nach dem Üben der Kata durch, um unsere Muskeln zu entspannen. Wir machen eine Atemübung und ruhen uns aus.

 

(2) Grundlegende Kata

Sanchin, Tensho und Naifanchi sind die grundlegenden Kata. Durch Üben dieser Kata können wir eine korrekte Körperhaltung einnehmen. Wir können richtig einatmen und ausatmen. Wir können unsere Kraft harmonisch erhöhen oder verringern. Wir können einen kraftvollen Körperbau und einen starken Kriegerwillen entwickeln.

 

(3) Ergänzende Übungen

Diese Übungen ermöglichen es uns, Kaishu Kata besser zu lernen und auszuführen. Wir trainieren jeden Teil unseres Körpers mit einer bestimmten Bewegung. Wir praktizieren auch mit verschiedener Ausrüstung, um unsere äußere Stärke im Ganzen und insbesondere die Teilstärke zu verbessern.

 

(4) Kaishu Kata ( = Kata außer grundlegende Kata)

Heutzutage haben wir ungefähr zwanzig bis dreißig Arten von Kata, deren Namen sich abhängig von ihren Schöpfern unterscheiden. Kata haben Techniken der Verteidigung und des Angriffs, die entsprechend miteinander verbunden sind. Sie haben verschiedene Richtungen der Bewegung und ähneln ein wenig der Gymnastik. Wir sollten Kata ausführen, indem wir die Kraft des Geistes und des Körpers in Übereinstimmung mit dem technischen Zweck nutzen, um das Prinzip des Lösens und Bindens erlernen zu können.

 

(5) Kumitetraining

Wir lösen Kaishu Kata, die wir bereits erlernt haben, und wir erforschen Techniken der Verteidigung und des Angriffs in Kaishu Kata. Um den technischen Zweck verstehen zu können, üben wir die Techniken des Angriffs und der Verteidigung mit Kampfgeist ähnlich einer realen Situation.

 

Ich fasse zusammen. Wir induzieren die Interaktion von Geist und Körper aus den grundlegenden Kata Sanchin, Tensho und Naifanchi. Wir entwickeln den Geist der Kampfkünste, indem wir durch korrektes Üben der Kaishu Kata und Kumitetraining Kampftechniken erwerben.

 

Bemerkungen: Der japanische Titel des Artikels lautet »Ryukyu Kenpo Karatedo Enkaku Gaiyo«. Der Artikel erschien als ergänzender Artikel in den zwei Büchern »Okinawano Karatedo« von Shoshin Nagamine (1975, Shinjinbutsu Oraisha) und »Okinawaden Gojuryu Karatedo« von Eiichi Miyazato (1979, Jitsugyono Sekaisha). Einzelne Teile des Artikels wurden für die Übersetzung weggelassen.

Aus dem Japanischen übersetzt von Kiyotaka Yamada und aus dem Englischen übersetzt mit dessen freundlicher Genehmigung.

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