Historischer Abriss zum Karate-Do

Kampfkunst aus Ryukyu – von Chojun Miyagi

ChojunMiyagi2Vorwort

Was ist Karate? Es ist die Kunst für Körper und Geist, die wir zur Förderung unserer Gesundheit im Alltag ausüben, doch im Notfall ist es die Kunst der Selbstverteidigung – ohne Waffe. In den meisten Fällen kämpfen wir mit unserem Körper – den Händen, den Füßen, den Ellbogen -, um den Gegner zu besiegen. Doch in bestimmten Umständen können wir in manchen Fällen auch Waffen verwenden (wie Bo, Sai, Nunchaku, Tonfa, Weeku, Kama etc.).

Die Leute missverstehen Karate oftmals. Wenn sie jemanden sehen, der fünf Holzplatten oder ein paar Dachziegel mit der bloßen Faust zerbricht, denken sie, es sei ein Hauptbestandteil des Karate. Natürlich ist dies nicht so! Doch es ist ein trivialer Teil des Karate. Wie in anderen Kampfkünsten kann die Wahrheit des Karate oder Tao des Karate mit dem Ziel verstanden und gemeistert werden, welches hinter den Lehren steht und unmöglich ist, mit Worten zu beschreiben.

Wir wurden die Kampfkünste auf Ryukyu (Okinawa) eingeführt?

Die Bezeichnung »Karate« ist ein Fachbegriff in Ryukyu. Karate stammt aus dem chinesischen Kungfu. Wir haben einige Bücher zum Ursprung des chinesischen Kungfu. So dass wir nicht unmittelbar davon schließen können, dass – gemäß einer Theorie – die Kampfkünste in Zentralasien und in den Gebieten rund um die Türkei entstanden, als sich die antike Zivilisation entwickelte. Und dass es allmählich in China eingeführt wurde.
Allerdings haben wir immer noch eine weitere Theorie. Sie besagt, dass das chinesische Kungfu vor etwa 5000 Jahren im Alter des Gelben Kaisers (Kaiser Huang) entstand, der im Becken des gelbes Flusses die brillante Kultur aufbaute. Wie auch immer, es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass sozusagen er Prototyp der Kampfkunst vom Kampfgeist für den Kampf herrührt, den der Mensch von Natur aus besitzt.
So wurden die meisten der chinesischen Kungfu-Stile durch Nachahmung von Kämpfen von Tieren entwickelt. Du kannst es anhand der Namen der Stile – wie Tiger-Stil, Löwen-Stil, Affen-Stil, Kranich-Stil und so weiter – sehen.
Ein wenig später teilte sich das chinesische Kungfu in die Südschule und die Nordschule. Darüber hinaus teilten sich die beiden Schulen wiederum in Neijia und Waijia. Ein Merkmal des Neijia ist vor allem die Geschmeidigkeit, es ist eine defensive Kampfkunst. Wudang-Kungfu (wie beispielsweise Tai Chi) ist typisch für Neijia. Charakteristisch für Waijia ist besonders die Härte – es ist also im Gegensatz zu Neijia eine aggressive Kampfkunst. Für das Waijia ist Shaolin-Kungfu typisch, welches im Shaolin-Tempel auf dem Songshang-Berg (Henan-Provinz) begründet wurde.
Später, während der Tang- und der Song-Dynastie, können wir viele Kungfu-Krieger auf der Höhe ihres Erfolges finden.

Wenn wir bedenken, wie Karate auf Ryukyu eingeführt wurde, so haben wir diverse Meinungen ohne historische Beweise. Daher kamen wir noch zu keinem richtigen Abschluss dieser Angelegenheit. Im wesentlichen gibt es drei Hauptmeinungen, nämlich die »Sechsunddreißig chinesischen Einwanderer«, »Oshima’s Aufzeichnungen« und die »Einführung in die Keicho-Periode«. Einfache Erläuterungen zu den einzelnen Meinungen sind wie folgt:

Sechsunddreißig chinesische Einwanderer
Im Jahr 1392 – zur Zeit der Ming-Dynastie in China -, kamen sechsunddreißig chinesische Einwanderer aus der Provinz Fujian nach Ryukyu. Zu dieser Zeit führten diese Einwanderer das Karate in Ryukyu ein.

Oshima’s Aufzeichnungen
1762 wurde ein Handelsschiff des Ryukyu-Königreichs in einem schweren Sturm auf dem Weg nach Satsuma (einer heutigen Präfektur von Kagoshima) gefangen. Shiohira Pechin – ein hoher Offizier des Schiffes – war ein intelligenter Mann. Ihm wurde vom intellektuellen Choki Tobe, welcher auf Oshima lebte, geholfen. Tobe schrieb Shiohira’s interessante Geschichten über das Ryukyu-Königreich nieder. Seine Notizen wurden »Oshima’s Aufzeichnungen« genannt. Im dritten Band der Aufzeichnungen heißt es: »Koshankun, ein Kungfu-Krieger, reiste von China nach Ryukyu (Okinawa) und brachte seine Jünger mit.« Nach den Erläuterungen nannten die Leute Karate dazumal »Kumiaijutsu«. Dies ist die verlässlichste Literatur über Karate.

Einführung in die Keicho-Periode
Im vierzehnten Jahr der Keicho-Periode (1609), invadierte der Shimazu-Clan aus Satsuma das Ryukyu-Königreich und verbot den Menschen das besitzen bzw. tragen von Waffen. Einige glauben, Karate sei aufgrund der grausamen Unterdrückung durch Satsuma spontan entstanden. Andere bestehen jedoch darauf, Karate sei keine inländische Schöpfung, sondern aus China importiert worden. Ich denke, es ist angemessen zu berücksichtigen, dass es sich beim Karate um eine Fusion der Kampfkunst aus China und dem »Te« – der einheimischen Kampfkunst, die schon existierte – handelt, so dass sich Karate bemerkenswert entwickelte und auch heute noch rational verbessert und entwickelt wird. Wir haben ein paar verschiedene Meinungen zum Ursprung des Karate, aber diese sind gängige Missverständnisse und nicht hörenswert.

Wie schon oben erwähnt, haben wir bislang keine konkrete und überzeugende Meinung.
Jedenfalls, Karate wurde so über viele Jahre entwickelt, modifiziert und verbessert.

Karate-Kreise in der Vergangenheit

Wir kennen auch nicht den Ursprung des Namens »Karate«, aber es ist wahr, dass der Name vor kurzer Zeit hervorkam. In den alten Tagen wurde es »Te« genannt. Dazumal übten die Menschen Karate heimlich und die Meister lehrten nur ihren besten Schülern ein paar fortgeschrittene Kata aus allen Kata. Hatte ein Sensei keine geeigneten Schüler, so lehrte er sie niemandem und schließlich starben solche Kata vollständig aus. Daraus folgt, dass viele Kata nicht überliefert wurden. In der Mitte der Meiji-Periode (1868-1912) schafften bekannte Karate-Meister die alte Weise der Geheimhaltung ab. Karate wurde für die Öffentlichkeit geöffnet und wurde bald von der Gesellschaft anerkannt. Dies stellt in der Entwicklung des Karate den Morgengrauen dar. Entsprechend der rasch fortschreitenden Kultur wurde Karate bald auch in den Sportunterricht integriert und als eines der Unterrichtsfächer in den Schulen angenommen.
Dadurch gewann Karate schließlich die soziale Anerkennung.

Wie wir heute Karate lehren.

Gemäß mündlichen Überlieferungen legte die Unterrichtspolitik des Karate in den alten Tagen großen Wert auf Selbstverteidigungstechniken. Mit dem einfachen Motto »kein erster Angriff im Karate« zeigten die Lehrer ihren Schülern die moralischen Aspekte auf. Allerdings hörte ich, dass sie in der Realität solche moralischen Prinzipien eher vernachlässigten. Nach und nach wurde die Unterrichtspolitik mit den Veränderungen der Zeit verbessert. Jetzt haben wir die falsche Tradition des »erst Körper und dann der Geist« aufgegeben und machten uns auf den Weg in Richtung Tao der Kampfkunst oder die Wahrheit des Karate. Schließlich haben wir das richtige Motto gefunden, »erst der Geist, dann der Körper«, was bedeutet, dass Karate und Zen das Gleiche sind.

Diejenigen, die Karate in Okinawa und außerhalb der Präfektur lehren, sind (in zufälliger Reihenfolge):

In der Präfektur Okinawa
Kentsu Yabu, Chomo Hanashiro, Chotoku Kyan, Anbun Tokuda, Juhatsu Kyoda, Choshin Chibana, Jinsei Kamiya, Shinpan Gusukuma, Seiko Higa, Kamado Nakasone, Jin-an Shinzato, Chojun Miyagi

Außerhalb der Präfektur Okinawa
Gichin Funakoshi, Choki Motobu, Kenwa Mabuni, Masaru Sawayama, Sanyu Sakai, Moden Yabiku, Jizaburo Miki, Yasuhiro Konishi, Shinji Sato, Mizuho Mutsu, Kamesuke Higaonna, Shinjun Otsuka, Shin Taira, Koki Shiroma, Kanbun Uechi

Über die Stile des Karate

Es gibt mehrere Meinungen über Stilrichtungen oder Stile des Karate in Ryukyu, aber sie sind nur Vermutungen ohne erfolgte Forschung oder Beweise. Im Hinblick auf diese Frage fühlen wir uns, als ob wir im Dunkeln tappen.
Laut einer ihrer populären Meinung, können wir Karate in zwei Stile einteilen, dem Shorin-Ryu und dem Shorei-Ryu. Sie bestehen darauf, der erstere Stil sei gut für dicke Personen, während der andere für schlanke sei. Durch viele Studien wurde aber solch eine Behauptung als falsch erwiesen.
Mittlerweile gibt es eine Meinung, der wir vertrauen können. Sie lautet wie folgt: Im Jahre 1828 (während der Qing- bzw. Ching-Dynastie in China), erbten unsere Vorfahren einen Kungfu-Stil der Provinz Fujian (China). Sie setzten ihre Studien fort und bildeten das Goju-Ryu Karate. Auch heute gibt es noch eine orthodoxe Gruppe, die echtes und authentisches Goju-Ryu Karate lehrt.

Die Merkmale des Karate

Einige gute Merkmale des Karate sind die folgenden:

(1) Ein großer Platz oder eine großzügige Fläche ist für das Üben des Karate nicht notwendig.

(2) Du kannst Karate für Dich selbst üben. Du kannst es auch gemeinsam mit anderen Karateka betreiben, in dem ihr eine Trainingsgruppe bildet.

(3) Du musst nicht viele Stunden für das Karatetraining aufbringen.

(4) Du kannst Dir die Kata passend zu Deinen körperlichen Stärken wählen und üben, unabhängig vom Alter oder Geschlecht.

(5) Ohne viel Geld zu investieren, kannst Du Karate mit einfacher Ausrüstung (z.B. Makiwara) üben – oder auch ohne ihr.

(6) Karate ist sehr effektiv zur Förderung der Gesundheit. Es gibt viele Karateka, die gesund sind und lange leben.

(7) Als Ergebnis der Ausbildung Deines Körpers und Geistes, kannst Du Deinen Charakter pflegen und einen unbeugsamen Geist bzw. Willen erwerben.

Die Zukunft des Karate-Do

Die Tage, als Karate noch heimlich unterrichtet wurde, waren vorüber und es kamen die Zeiten, in denen wir Karate öffentlich und offiziell üben und studieren konnten. Daher ist die Zukunft des Karate-Do hell. Bei dieser Gelegenheit sollten wir aufhören, Karate so zu bewerben, als sei es eine geheimnisvolle und magische Kampfkunst von einer kleinen Insel namens Ryukyu.
Wir sollten damit beginnen, Karate für die Allgemeinheit zu öffnen und fähig sein, Kritik zu empfangen wie auch Meinungen und Studien von anderen bekannten Kampfkünstlern. Künftig sollten wir Schützer für sichere Karate-Turniere einführen – wie in anderen Kampfkünsten bereits vorhanden – so dass Karate zu einer japanischen Kampfkunst wird.

Heute ist Karate-Do in ganz Japan beliebt, wo viele Leute Karate-Do sehr hart studieren. Auch außerhalb Japans ist Karate-Do beliebt. Es gibt einen Mann, der an der Universität in Tokio abschloss. Er lehrt, studiert  und propagiert Karate-Do in Europa. Im Mai 1934 wurde ich von Okinawanern und einem Zeitungsverlag nach Hawaii (USA) eingeladen, um Karate-Do zu Lehren und zu Bewerben. Seitdem gründeten sich Karatevereine in Hawaii.

Wie oben erwähnt, ist Karate-Do nicht nur eine japanische Kampfkunst geworden, sondern viel mehr eine internationale Kampfkunst.

Die Unterrichtsmethode des Karate

Wie jeder Mensch, der seinen oder ihren eigenen unverwechselbaren Charakter besitzt, ist auch die Entwicklung der Muskulatur unterschiedlich,  je nach seinem oder ihrem Muskeleinsatz. Daher ist zunächst die »vorbereitende Übung« notwendig, um unsere Muskeln zu entwickeln und so das Üben des Karate zu vereinfachen. Dann folgen die »Gundlegenden Kata«, »Zusatzübungen«, »Kaishu Kata« und schließlich das »Kumite-Training«. In dieser Weise unterrichten wir Karate. Jede Gliederung sieht wie folgt aus:

(1) Vorbereitende Übungen
Wir trainieren jeden Muskel unseres Körpers, um seine Flexibilität, Kraft und Ausdauer zu verbessern. Dann üben wir die grundlegenden Kata – nämlich Sanchin, Tensho und Naifanchi. Danach sind wieder die vorbereitenden Übungen an der Reihe, um unsere Muskeln zu entspannen. Wir machen eine Atemübung und legen eine Pause ein.

(2) Grundlegende Kata
Sanchin, Tensho und Naifanchi sind die grundlegenden Kata. Durch das üben dieser Kata können wir eine korrekte Haltung erreichen. Wir können richtig einatmen und ausatmen. Wir können unsere Kraft harmonisch erhöhen und verringern und entwickeln eine starke Physis und den starken Willen eines Kriegers.

(3) Zusatzübungen
Diese Übungen ermöglichen uns, Kaishu Kata gut zu erlernen. Wir trainieren jeden Teil unseres Körpers mit einer bestimmten Bewegung. Wir arbeiten auch mit diversen Geräten, um unsere äußere Kraft auf einen bestimmten Teil zu konzentrieren, um die Stärke zu erhöhen.

(4) Kaishu Kata (Kata, ausgenommen die grundlegenden Kata)
Heutzutage haben wir über zwanzig oder dreißig Arten von Kata und ihre Namen sind verschieden, abhängig von ihren Schöpfern. Kata beinhalten Techniken der Abwehr und des Angriffs, die entsprechend miteinander verbunden sind. Auch Bewegungen in verschiedene Richtungen sind enthalten – es ist sowas wie Gymnastik. Wir sollten die Kata im Einklang der Kraft des Geistes und Körpers und mit ihrem technischen Zweck ausführen, so dass wir den Grundsatz des Aushebens und Bindens erlernen.

(5) Kumite-Training
Wir lösen die Kaishu Kata, die wir bereits erlernt haben und studieren die Techniken der Verteidigung und des Angriffs in Kaishu Kata. Das Verständnis des technischen Zwecks erhalten wir durch das Üben der Techniken mit Kampfgeist – so wie in einer realen Situation.

Ich fasse das obige kurz zusammen. Wir induzieren das Zusammenspiel von Geist und Körper der grundlegenden Kata Sanchin, Tensho und Naifanchi. Wir entwickeln den Geist der Kampfkunst durch den Erwerb von Kampftechniken durch das Üben der Kaishu Kata und des Kumite-Trainings.

Ursprüngliche Anmerkung: Dieser Aufsatz wurde von Sensei Chojun Miyagi speziell für die Vereinsmitglieder geschrieben und für seine Vorlesung »Über Karatedo« und die Vorführung im Vortragssaal des 4. Stocks des Meiji Shoten in Sakaisuji (Osaka) – am 28. Januar 1936 – vorbereitet.

Bemerkung: Der Titel lautet im Japanischen »Ryukyu Kenpo Karatedo Enkaku Gaiyo«. Dieser Aufsatz erschien als Zusatzartikel in den beiden Büchern »Okinawa Karatedo« von Shoshin Nagamine (1975, Shinjinbutsu Oraisha) und »Okinawaden Gojuryu Karatedo« von Eiichi Miyazato (1979, Jitsugyono Sekaisha). Einige Teile werden in dieser Übersetzung weggelassen.

Die Übersetzung erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Kiyotaka Yamada, 4. Dan, welcher das japanische Original ins Englische übersetzte. zu seiner Homepage (entspricht auch der Quelle des Bildes)

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