Einatmen und Ausatmen gemäß des GO und JU

Verschiedenes über Karate – von Chojun Miyagi

Chojun-MiyagiIch weiß nicht wann es geändert wurde, aber mittlerweile wird »Karate« mit »leere Hand« anstatt »chinesische Hand« übersetzt. Wie auch immer; ich bin froh zu wissen, dass Karate heutzutage in ganz Japan als Okinawaische Kampfkunst bekannt ist, vor allem seitdem es vom Dainippon Butokukai (großjapanischer Kampfkünsteverband für Kunst und Ethik) als offizielle japanische Kampfkunst anerkannt wurde. Dennoch bin ich mir ohne jeden Zweifel sicher, dass die Wurzeln des Karate

in China liegen. Ich vermute, der Prototyp des Karate könnte auf verschiedenen Wegen in meiner Heimat Okinawa verändert worden sein, aber ich denke, es lohnt sich zu erkennen, dass die Entwicklung des Karate durch die Einzigartigkeit der Okinawaischen Kultur beeinflusst wurde. Daher ist es vielleicht nicht unvernünftig, Karate mit der »leeren Hand« zu übersetzen bzw. zu deuten anstelle mit der »chinesischen Hand«.

Wie auch immer. Ich möchte Dir nun von meinen Betrachtungen erzählen.

Ich habe von einer von Kampfkunst namens »Drei Hände« in Indien gehört. Ich kenne nicht die originale indische Bezeichnung, jedoch handelt es sich bei den »Drei Händen« um die direkte chinesische Übersetzung aus dem Indischen. Ich nehme an, dass solch eine Kampfkunst durch Darma (Bodhidharma; er soll einer Legende nach von Indien nach China gereist sein und in einem Shaolin-Kloster Leibesübungen unterrichtet haben, dadurch sei das Shaolin-Kungfu entstanden) während der Kaiser-Wu-Dynastie von Indien nach China gebracht wurde, welche zum Ursprung des Shaolin-Tempels wurde.
Es war sehr interessant für mich, als ich im letzten Jahr Hawaii besuchte, zu sehen, wie ein Jugendlicher Philippine eine Kampfkunst vorführte. Ich war sehr beeindruckt und erfreut herauszufinden, dass es Ähnlichkeiten der Techniken zwischen den philippinischen Kampfkünsten und unserem Karate gibt. Bedauerlicherweise verlor ich das Notizbuch, in dem ich den Namen des Jungen und seine Kampfkunst niederschrieb. Ich glaube, es könne irgendwo anders aufbewahrt worden sein, so dass ich noch die Chance habe, es zu finden und Dir davon erzählen.

Ich denke, das Schaolin-Kungfu ist eine neu systematisierte Verschmelzung zuvor existierender, klassischer chinesischer und indischer Kampfkünste. Diese These wurde bislang nicht bewiesen. Wir fordern mehr Forschung zu dieser Annahme.

Ich habe Karate eine lange Zeit trainiert, habe aber den Kern oder die Wahrheit des Karate bisher nicht erkannt. Ich fühle mich, als ob ich allein auf einem fernen Pfad in der Dunkelheit wandere. Je weiter ich gehe, desto ferner ist der Weg, aber deswegen ist die Wahrheit so kostbar. Wenn wir weitergehen, um die Wahrheit des Karate mit all unserer Stärke des Geistes und des Körpers zu finden, würden wir Stück für Stück und Tag für Tag belohnt werden. Die Wahrheit ist nah, doch schwer zu erreichen.

Mein Freund Herr Jingyu erklärte mir die Grundsätze wie folgt: »Die entscheidende Formel für die Wahrheit ist keine Formel. Willst du keine Formel meistern, musst du eine meistern. Beherrscht du aber die Formel und keine Formel zur selben Zeit, kannst du Leben und Tod überwinden.« Ich vermute, die entscheidende Formel zur Wahrheit ist Tao, der Weg. Ich kann die Grundsätze nicht wirklich verstehen, aber manchmal fühle ich es, es doch zu verstehen. Ich denke, wir haben »die Formel und keine Formel« zu meistern. Dann können wir Karate intensiver studieren und die Wahrheit des Karate erreichen.

Dies ist eine Abhandlung, auf die ich mich nicht vorbereitet habe, so lasst mich über ein anderes Thema sprechen.
Hinsichtlich der Karatestile hörte ich, es gäbe zwei Arten, den südlichen Stil und den nördlichen Stil. In Bezug auf die Techniken spezialisiert sich der südliche Stil auf Oberkörper- und Hand- bzw. Armtechniken mit weichen, sanften und aktiven Merkmalen. Er agiert defensiv im Kampf. Auf der anderen Seite hingegen spezialisiert sich der nördliche Stil auf den Unterkörper sowie Beintechniken, so dass er durch harte und aktive Merkmale gekennzeichnet ist. Im Kampf agiert er aggressiv. Die frühen Schritte zum nach vorn Stoßen und die Rückschritte zum Blocken. Der zweite Schritt nach vorn zum Treten und wiederum Schritte zurück zum Werfen des Gegners. Natürlich beinhalten beide Stile Stöße, Tritte und Würfe, aber die Sicht der Dinge ist zueinander unterschiedlich.

Jetzt möchte ich denjenigen Informationen zu »Haishu« bzw. »Haishu Kata« und »Kaishu« bzw. »Kaishu Kata« geben, die Karate betreiben. „Haishu“ meint die grundlegenden Katas. Vor dem Betreten des Weges des Karate musst Du erst deinen Körper und Geist entdecken anhand des Übens der Kata Sanchin des Goju-Ryu.

Ich werde es genauer erklären. Du stehst mit fester und stabiler Haltung der Füße, mit den Händen in korrekter Position, und atmest harmonisch. Durch das Üben der Sanchin kannst Du die Überwindung von Leben und Tod spüren. Dein Geist und Körper werden stark wie ein »Kongo« (ein Diamant). Dies ist die bisherige Version der Sanchin.

Wir haben außerdem eine aktivere Version der Sanchin, welche »Peppuren« genannt wird. Meist nennen wir beide Versionen Sanchin. Tanden (ein wenige Zentimeter unter dem Bauchnabel befindlicher Punkt), Hinterkopf und Pobacken sind die drei Schwerpunkte, auf welche Du Deine Aufmerksamkeit während der Ausführung der Sanchin richten musst.

Nun ein paar kurze Anleitungen. Ziehe das Kinn ein. Hebe Deinen Hinterkopf an. Lege Deinen Fokus auf den Tanden, um Energie aufzunehmen. Deine Pobacken sollten angespannt sein. Diese drei Schwerpunkte sind ursprünglich nicht voneinander getrennt, sondern haben eine untrennbare Beziehung zueinander. Neben diesen, gibt es noch einen weiteren Schwerpunkt: den Mittelpunkt zwischen den Augenbrauen. Ich habe gehört, die Prinzipien des Zen und anderer sitzender Meditationen seien die gleichen wir die der Sanchin.

Wenn ich das Karate-Do auf Okinawa sehe, finde ich, wir investieren den »Haishu Katas« wie der Sanchin zu wenig Aufmerksamkeit. Was denkst Du darüber? Somit, selbst wenn Du mir Deine beste »Kaishu Kata« präsentierst, würde ich nicht mit ihr zufrieden sein und merken, etwas fehlt zur Perfektion, die stabile und grundlegende Basis, die durch die Sanchin zustande kommt. Nachdem mein Freund, Herr Jingyu, meine Gedanken zu den »Haishu Katas« bzw. der Sanchin gehört hatte, erzählte er mir eine interessante Geschichte. Nachfolgend steht das »ich« für Herrn Jingyu, anstatt für mich.

»Obwohl mein Wissen begrenzt ist, hörte ich folgendes von einem sogenannten südlichen Stil der chinesischen Malerei, insbesondere von Gemälden aus dem Süden der Zong-Dynastie sowie aus dem Norden.
Starke und lebendige Bilder sind charakteristisch für Li Si-Xun, von dem angenommen wird, der Gründer des nördlichen Stils der chinesischen Malerei zu sein. Ich fühle Stärke als auch Härte wie Stahl, wenn ich seine liebste Zeichentechnik sehe, des sogenannten ›Schnitts durch Große und Kleine Äxte‹. Auf der anderen Seite sind schlichte und sanfte Züge bei Gemälden die Charakteristik von Wang Wei, dem Gründer des südlichen Stils der chinesischen Malerei. Seine Zeichentechnik wird ›die Klassische Spielweise mit Gewinden‹ genannt. Man sagt, Wang Wei sei Vegetarier und esse niemals Fleisch, so zeige seine Arbeiten Auren der Ruhe und Reinheit. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Herr Don Qi-Chang ihn den König der Malereien nennt.

Entsprechend eines bestimmten Buches wird der Unterschied beider Arten aus der unterschiedlichen natürlichen Umwelt des Tals des Gelben Flusses im Norden und des Jangtse-Tals im Süden abgeleitet. Gemäß einem bestimmten Mann, der lange Zeit durch China reiste, liegt der Unterschied zwischen den Gemälden aus dem Norden und denen aus Süden im unterschiedlichen Charakter der jeweiligen natürlichen Umwelt. Kurzum, der südliche Zeichenstil ist gekennzeichnet von Idealismus, Licht, Flexibilität, Besonnenheit und Ruhe. Im Gegensatz dazu ist der nördliche Zeichenstil stark, ernst, prachtvoll und dynamisch.
Wenn wir dies auf die chinesischen Kampfkünste beziehen, sind sie miteinander völlig übereinstimmend.«

Der Verfasser stimmt Herrn Jingyu völlig zu. Er fuhr mit der Geschichte wie folgt fort.

»Ich denke die Verbindung zwischen ›Haishu‹ und ›Kaishu‹ im Karatedo ist ähnlich dem Verhältnis zwischen dem quadratischen Stil des Schreibens der chinesischen Buchstaben und des kursiven Stils in der Kalligrafie, der Art und Weise des Schreibens. ›Haishu‹ ist der ›quadratische Stil‹, während ›Kaishu‹ der ›kursive Stil‹ ist. Der quadratische Stil des Schreibens ist ruhig und gelassen, der kursive Stil hingegen aktiv und dynamisch. Hier können wir eine der Grundlagen erkennen. Klar ist aber auch, dass wir bei den Grundlagen Schritt für Schritt vorwärts gehen sollten.«

Wieder nickte ich und stimmte ihm völlig zu. Ich denke, alle Künste entstanden aus den gleichen Wurzeln und dem gleichen Weg. Zum Ende dieses Textes möchte ich Dir einen Satz aus dem berühmten Buch »Bubishi« bzw. »Wubeizhi« zitieren, verfasst von Mao Yuan-yi in der späten Ming-Dynastie, in dem er sich zu den Kampfkünsten anhand von Beispielen wie der Kalligrafie und der Reitkunst äußert. »Meisterst Du die chinesischen Zeichen, kann ich Dir alle Techniken der Kalligrafie lehren. Wenn Du einen Sattel nehmen kannst, kann ich Dir alle Techniken der Reitkunst lehren.«

Bemerkung: Dieser kurze Artikel erschien erstmalig am 15. August 1942 in »Bunka Okinawa« Ausgabe 3 Nummer 6; später erschien er zudem auch im Anhang des Buches »Chugoku Okinawa Karate Kobudo No Genryu« von Masahiro Nakamoto, welches am ersten April 1985 beim Bunbukan-Verlag eröffentlicht wurde.

[Diesen Artikel übersetzte ich aus dem Englischen (mit freundlicher Genehmigung von K. Yamada); Übersetzung aus dem Japanischen ins Englische erfolgte durch Kiyotaka Yamada, 4. Dan Okinawa Goju-Ryu, im Dezember 2007; zu seiner Homepage].

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